Quattuor Humores

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Elemente & Temperamente

Schon immer hat es Versuche gegeben, die menschliche Natur zu erklären, zu ver­stehen und durch verschiedene Theorien zu kategorisieren. Die Medizin der Antike brachte mit der Säftelehre (oder Humo­ralpathologie) eines der einflussreichsten solcher Systeme hervor: Diese Theorie prägte die westliche Kultur über Jahrhun­derte, wurde täglich von Ärzten (und im Mittelalter auch von Köchen) benutzt und war in der Philosophie allgegenwärtig. Sogar als sie schließlich mit der Entwick­lung der Medizin im modernen Sinne im 19. Jahrhundert kategorisch verleugnet wurde, nahm sie noch immer einen Platz im Alltag ein: Auch heute steht immer noch viel von unserem Vokabular, wenn es um unseren Körper oder unsere Stim­mung geht, mit der Säftelehre in Zusammenhang. Zum Beispiel fühlt man sich "ohne Saft und Kraft" oder man speit "Gift und Galle". Die Grundannahme der Säftelehre besteht darin, dass in unserem Körper vier Flüssigkeiten oder Säfte zu finden sind und dass unser körperlicher Zustand und unsere geistige Verfassung von der Ausgewogenheit oder dem Ungleichgewicht dieser Säfte bestimmt werden: Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle sind die vier Säfte, die Körper und Seelenleben bestimmen. Doch darüber hinaus bringen sie uns mit dem Makrokosmos, der Welt auf ihrer größten Skala in Verbindung. Jeder Mensch kann sich durch die in ihm vor­herrschende Flüssigkeit einer der vier Per­sönlichkeitstypen (Choleriker, Sanguiniker, Phlegmatiker oder Melancholiker) zuord­nen; die Säfte stehen außerdem für ein bestimmtes Lebensalter, eine Himmels-richtung, eine Jahreszeit und ganz beson ders für je ein Element. Das Blut steht für die Luft, gelbe Galle für das Feuer, schwarze Galle für die Erde und der Schleim für das Wasser. Nicht alle waren von der Theorie der Säfte überzeugt, Molière und Mon­taigne zum Beispiel kritisierten sie heftig, jedoch war sie zur Zeit unserer Musik - dem Spätmittelalter - als unbestreitbar zu verstehen. Die vier Abschnitte dieses Konzertes können als Porträt je einer der Persönlichkeiten und als Skizze der Essenz eines Elements verstanden werden.

Im ersten Teil steht das Wasser im Vordergrund (im Körper auf den Schleim zu beziehen) und bestimmt das Wesen der Phlegmatiker. Es bringt die Qualitäten von Ruhe, Friedlichkeit, Nachdenklichkeit und Kontrolle mit sich. Die anonyme "Lauda novella", der Toskana des 13. Jahrhunderts entstammend, bringt diese Qualitäten zum Leben: Diese Form des marianischen Lobgesangs wurde als Teil der Rituale der "Laudesi" entwickelt - einer christlichen, säkularen Bruderschaft - und erweckt eine mystische, introspektive Stimmung. "Tant m'abelis l'amoros pessamens" fährt mit Introspektion und einer gewissen Nachdenklichkeit fort: Der Autor-Protagonist dieser Monodie, Teil der Schule der Trou­badours, lässt sich von seinen lieblichen Gedanken überwältigen und versinkt in einem tranceartigen Zustand.

Das Feuer ist fast synonym zur Leiden­schaft und steht in der Humoralpathologie in Verbindung mit dem Choleriker (und der gelben Galle). Nicht Wut - obwohl diese häufig seine Reaktion ist bestimmt seinen Charakter, sondern seine Impulsi­vität, wechselhafte und leicht erregbare Emotionen, die rasch vom Optimismus zu einer leichten Aggressivität schwanken können. Die vier Stücke, die dies illustrie­ren, stammen alle aus der italienischen Schule des 14. Jahrhunderts, die man heute "Trecento" nennt. "Perchè vendecta far or non si pò" vertont das innere Zwiegespräch eines Betrogenen: Mal versucht das lyrische Ich sich zu beruhigen, mal übernehmen heftige Emotionen wieder. Der Text von "Morte m'a sciolt"', Amor ist Petrarca entlehnt und illustriert hier die beste Seite der Choleriker: Optimismus und Energie. Obwohl Petrarca sich hier mit dem Tod seiner geliebten Laura aus­einandersetzt, findet er die Kraft, sich für sie, die jetzt im Paradies in der Gegenwart Gottes steht, zu freuen. Seine Trauer geht mit dem Gefühl einher, vom Joch der Liebe befreit zu sein. "Ay schonsolato" illustriert die Qualen der Liebe mit einer virtuosen, hoch verzierten melodischen Linie, die ty­pisch für die italienische Ästhetik dieser Zeit ist; ebenso typisch ist hier der Ge­brauch mythologischer Topoi als Analogie der Gefühle des lyrischen Ichs: der Verrat des Aeneas an Dido, die sich das Leben nahm, da er sie verließ, und der Briseïs an Agamemnon während des Trojanischen Krieges. "Per quella strada lactea", ein Madrigal des flämischstämmigen, in Italien aktiven Komponisten Johannes Ciconia, beschreibt in fantastischen Bildern und wechselhaften, lebhaften Wandlungen die Fahrt eines entflammten Wagens entlang der Milchstraße - Wappen und Attribute der mächtigen Carrara-Familie aus Padua.

Der in besonderer Beziehung zur Erde stehende Melancholiker (schwarze Galle) zeichnet sich nicht nur durch seine leicht betäubende Traurigkeit, sondern auch durch analytische und kontemplative Ei­genschaften aus. Der musikalische Stil der Ars subtilior, der sich im Frankreich des ausgehenden 14. Jahrhunderts entwickelte, setzt diese Eigenschaften musikalisch auf exemplarische Weise um: "Medee fu en amer veritable" ist typisch für diese intellektuelle und raffinierte Ästhetik (erneut mit dem Bezug auf die antike Mythologie), während "Puis que ie sui fumeux" eine ausgearbeitete Befürwortung des Rauchens ist. Der Erzähler wurde anscheinend für seinen Lebensstil kritisiert und verteidigt sich mit einer klaren, organisierten Rhetorik, ganz im Sinne der Melancholiker.

Der letzte Teil dieses Konzertes widmet sich schließlich dem Sanguiniker (Blut), der sich mit der Luft verbinden und durch Optimismus, Lebhaftigkeit und eine gewisse Sorglosigkeit definieren lässt. Hervorragend eignen sich für die Illustration dieser Attribute die beiden Vertreter des Genres der Caccia: "Cacciando per gustar" und "A poste messe". In der Caccia (Ital. für "Jagd") vereinen sich Komposition und intellektuelles sowie poetisches Spiel zu einem komplexen Kanon, in dem zwei Stimmen einander auf oftmals spielerische, theatralische Art jagen. In "Cacciando per gustar" findet sich der Erzähler auf einem römischen Markt wieder, angezo­gen und überwältigt von den Rufen der Verkäufer, die um seine Aufmerksamkeit konkurrieren. "A poste messe" und "En ce gracieux tamps" sind durchsetzt von onomato­poetischen Ausrufen, die nicht nur auf der poetischen Ebene, sondern auch musika­lisch zur Geltung kommen.

Durch diesen Einblick in die Säftelehre, der als Versuch zu verstehen ist, die Natur des Menschen nach mittelalterlichem Vorbild zu kategorisieren, gewinnen wir ein Bild des Verständnisses und des Ausdrucks der Emotionen im Mittelalter. Im Rahmen der vier Elemente und der vier Säfte - oder auf Latein der "quattuor humores" - stoßen wir auf eine Musik, die so kontrastreich ist wie die Gemüter: im Mittelalter wie auch heute.

 

Text: Anna Danilevskaia, musikalische Leiterin des Sollazzo Ensembles

Artikel veröffentlicht am 24. Juni 2017

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