Folk und Fotos

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Hausmusik: Villa Schulz-Fieguth

Lage, Lage, Lage. Höher geht es bei den Potsdamer Immobilienpreisen nicht hinauf, als in der Seestraße, die dem östlichen Ufer des Heiligen Sees folgt. Die Prominentendichte ist entsprechend hoch. Nur vier Familien gibt es, die hier schon zu DDR-Zeiten wohnten. Zu ihnen gehört das Ehepaar Schulz-Fieguth, Fotografin und Neurochirurg. Sie trägt ein schwarzes Spitzenkleid, er einen weißen Anzug, als sie die rund fünfzig zahlenden Gäste der Hausmusik begrüßen - so freundlich und zugewandt, als seien das allesamt gute Bekannte.

Ihre schlichte Villa von 1890 ist eines der ältesten Häuser in der Seestraße. Doch die Hausmusikbesucher schreiten zunächst zügig durch die helle Wohnstube, vorbei an den aufgehängten Porträtfotos der Hausherrin, um erst einmal den Garten zu sehen. Und der ist wirklich ein Traum: englischer Rasen, zum See abfallend; zwei Stege ragen in die schillernde Wasserfläche. Am jenseitigen Ufer erblickt man das "Rote Haus", das Monika Schulz-Fieguth schon oft als Motiv gedient hat.

Die Wiese ist gesäumt von Rosenstöcken und hohen, alten Bäumen - diese Naturkulisse bildet den Rahmen für den Auftritt der Early Folk Band: fünf singende Musiker, drei Damen und zwei Herren aus verschiedenen Ländern, die in Freiburg ihre Zelte aufgeschlagen haben. Sie bieten englische und irische Folklore. Mit Fideln und Flöten, einer gotischen Harfe und kleinen Dudelsäcken mit zartem Klang. Die fünf treten in altertümlichen Kostümen auf, mit weißen Leinenhemden und gewebten Beinkleidern.

"New oysters", frische Austern, preisen sie beim Einzug an, entführen sie doch das Publikum ins Marktgetümmel des englischen Küstenstädtchens Scarborough, das auch schon Simon & Garfunkel besungen haben.

Die Balladen und Lieder der Early Folk Band handeln von allem, was auf so einem Markt Thema ist, von Seefahrern und Jungfrauen, von Whisky und Ale. Und auch die Amsel im Gingkobaum musiziert mit.

Für eine Polka schnallt sich Steve Player Schellen an die Waden, um mit klirrenden Tanzsprüngen kunstvoll die Füße zu kreuzen. Er himmelt dabei den Gitarristen Ian Harrison an, der die holde Maid gibt, mit affektierten Gesten und Fistelstimme - eine witzige Persiflage auf den Minnesang.

Nach einer knappen Stunde ist der heitere, kurzweilige Auftritt schon vorbei. Den musikalischen folgen die kulinarischen Häppchen und die Gelegenheit, Schulz-Fieguths Fotos genauer zu betrachten. Auch ihr edel aufgemachter Bildband über den Heiligen See liegt aus. Darin kann man ihre Biografie nachlesen: Die waschechte Potsdamerin studierte an der Leipziger Grafik-Hochschule und leitete anschließend das Fotolabor der Babelsberger Sternwarte, bis sie sich 1984 als Fotografin selbständig machte.

Der Ausgang des Abends dient dem gemütlichen Plausch. Etwas Klatsch und Tratsch über die verschiedenen Promis in der Nachbarschaft gehört natürlich dazu. Der Hausherr zeigt stolz die weinberankte Pergola, die er selbst gezimmert hat. Nach und nach gehen die Gäste, und der abendliche Garten gehört den faulen Enten und dem schwarzen Kater der Nachbarn, der durch die leeren Stuhlreihen streift.

 

Text: Antje Rößler

Artikel veröffentlicht am 26. Juni 2017

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