Fähre nach England: Transports Publics laden ein zu einer Zeitreise ins 17. Jahrhundert

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Die zu Schiff das Meer befahren

"Öffentlicher Nahverkehr" - so ließe sich der Name des Ensembles "Transport Publics" übersetzen. Die Musiker verstehen sich als Verkehrsunternehmen, das die Barockmusik und das heutige Publikum zu ihrem Rendezvous transportiert. Zum ersten Mal war das belgische Ensemble nun in Deutschland zu hören.

Am Sonntag hatten Transports Publics in der Orangerie von Sanssouci einen Fährbetrieb nach England eingerichtet; das Programmheft verspricht "eine stürmische Kreuzfahrt mit Purcell und Zeitgenossen"; abgelegt wurde im Raffaelsaal zwischen den Gemälden mit Mariendarstellungen und biblischen Szenen.

Der Ort passt, bot doch das Programm vorwiegend Psalmvertonungen. Im Mittelpunkt steht der englische Barockkomponist Henry Purcell. Geboren 1659, starb er mit gerade mal 35 Jahren, weil er sich nach einem Theaterbesuch schlimm erkältete, da seine Frau ihn ausgeschlossen hatte - so will es zumindest die Legende. Trotz seiner kurzen Schaffensphase gilt Purcell neben Benjamin Britten als größter englischer Komponist.

Das Konzert beginnt mit Purcells Motette über den 96. Psalm "Singet dem Herrn ein neues Lied!". Vier Sänger flechten ekstatische Koloraturen. Besonders schön klingt Steve Dugardins sanfter, heller Countertenor.

Dazu spielt das kleine Instrumentalensemble unter Leitung von Thomas Baeté an der Gambe: Zwei Geigen, Bratsche, dazu der Generalbass mit Orgelpositiv und Theorbe. Das Zusammenspiel ist fein justiert, doch klangfarblich macht die bläser-freie Besetzung nicht viel her, zumal die Streichinstrumente dasselbe hohe Register abdecken.

Immer wieder handeln die geistlichen Kompositionen vom Wasser, das entweder zerstörend oder aber heilsbringend wirkt - die Sintflut vernichtet alles Leben; dann wieder singen die Psalmen von den frischen Wassern, zu denen uns der Herr führt.

Der 42. Psalm vergleicht die gottessehnsüchtige Seele mit einem durstigen Hirsch. In der Vertonung von Purcells Lehrer Pelam Humfrey schärfen die Sänger eindringliche Dissonanzen zu den Worten "Meine Tränen sind meine Speise Tag und Nacht." Nicht nur an dieser Stelle wirken die Worte weitaus eindringlicher als die Musik. Da macht es sich schon bemerkbar, dass die englische Aussprache der Sänger nicht besonders klar ist.

Deutlich wird an diesem Abend, dass Purcells komponierende Zeitgenossen ihm nicht das Wasser reichen können. So vertonte John Blow den 69. Psalm in ausgesprochen behäbiger Manier - obwohl dem Gottverlassenen hier das "Wasser bis an die Seele" steht. Den abgeklärten Eindruck verstärken die Instrumentalisten, die nicht vorwärts musizieren, sondern sich gleichsam in jedem Takt niederlassen. Ziemlich schlaff klingen auch die tänzerischen Rhythmen in einer Suite von Matthew Locke.

Dann schlüpft der Bassbariton Lisandro Abadie in die Rolle des einst weithin gefeierten Sängers John Gostling, der Purcell zu mehreren Kompositionen inspirierte. Zum Beispiel zur Vertonung des 107. Psalms "Die zu Schiff das Meer befahren", die entstand, nachdem der Sänger während der Jungfernfahrt einer königlichen Yacht beinah Schiffbruch erlitten hatte. Die stürmischen Tonmalereien, dramatischen Punktierungen und harmonischen Verwirrungen, gehen die Instrumentalisten wieder ziemlich zurückhaltend an. Lisandro Abadie, der mit seinem schwarzen Vollbart wie ein Pirat aussieht, glänzt mit stabiler Tiefe und virtuosen Fähigkeiten, obwohl seine Stimme manchmal eine gewisse Schärfe zeigt. Gegen Ende gibt es Purcells wunderbares Mini-Drama "In guilty Night". Es geht um den biblischen König Saul, der zusammenbricht, als ihm der Prophet Samuel die Herrschaft über die Israeliten entzieht. Als Nebenfigur tritt eine Hexe auf, die von Griet De Geyter mit klirrender Hysterie gesungen wird. Hier passt das solistische Auftrumpfen. In den Ensembles dominiert die Sopranistin jedoch zu stark.

Minuspunkte gibt es für die Programmgestaltung, die zu wenig Abwechslung bietet. Fast durchgängig herrscht ein getragener, langsamer Tonfall - bis hin zu der melancholischen Chaconne, die keinerlei "Rausschmeißer"-Qualitäten hat. Die versprochene "stürmische Kreuzfahrt" ist eher ein besinnliches Schaukeln auf der Luftmatratze.

 

Text: Antje Rößler

Das Konzert wird am 14. Juli um 20.03 Uhr von Deutschlandfunk Kultur übertragen.

Artikel veröffentlicht am 20. Juni 2017

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